Mitarbeiterführung mit dem Leben mit Kindern vergleichen
Persönliches

Du kannst doch Mitarbeiterführung nicht mit dem Leben mit Kinder vergleichen – oder doch?

Ich mache das ja jetzt schon seit einiger Zeit. Ich nehme bewusster wahr, was ich vom Leben mit Kindern lerne, was ich dann im Berufsalltag nutzen kann. Ja, und ich sage das auch ab und zu mal. Desöfteren ernte ich dafür einen irritierten Blick oder auch empörte Kommentare. Ich könne doch Mitarbeiterführung nicht mit Kindererziehung vergleichen. Ich frage mich jedes Mal, warum eigentlich nicht. In den letzten Tagen ist mir klar geworden, warum viele dieser Ansicht sind.

Seltsame Ansichten zum Thema Kindererziehung sind weit verbreitet

In den letzten Tage gab es in den sozialen Medien heftige Diskussionen um ein Sendeformat von RTL “Train your baby like a dog” (hier ist ganz bewusst kein Link – ich will dieses Format nicht noch weiter pushen). Wenn ich hier das “baby” mit “employee” ersetze, wäre der Aufschrei vermutlich noch viel lauter. Für die besagte Sendung gab es offensichtlich tasächlich ein OK vom Kölner Jugendamt. Um die Absetzung zu fordern braucht es eine Petition. Für eine Sendung “Train your employee like a dog” würde es wohl in Deutschland keine Erlaubnis geben.

Die Gründe für dieses Sendeformat und für die empörten Kommentare, die ich ab und zu ernte, liegen wahrscheinlich sehr eng beeinander. Der Umgang mit Kindern ist in unserer Gesellschaft noch immer durch sehr veraltete Konzepte geprägt. Die Nazizeit besipielsweise wirkt immer noch nach. Die Ansichten von Johanna Haarer und ihrem damaligen Erziehungsratgeber “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” finden teilweise immer noch Unterstützung. Selbst wenn es nicht so ganz offensichtlich ist, so begegnen mir dennoch oft Ansichten und Einstellungen, die in diese Richtung gehen.

Bei so einer Einstellung gegenüber Kindern ist es verständlich, dass bitteschön niemand erwachsene Menschen mit Kindern vergleichen soll.

Solche Ansichten überträgt man wirklich besser nicht auf Mitarbeiter.

Ja, solche veralteten Ansichten sollten wir tatächlich nicht in die Arbeitswelt übertragen. Kinder werden oft als unfertige Menschen angesehen, die wir zurechtbiegen und -trimmen müssen. Nur dann könnten sie irgendwann in Zukunft wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft werden. Wenn das so ist, ja, dann sollten wir unsere Teammitglieder vor dem gleichen Umgang bewahren. In Zeiten, in denen agile Methoden, positive Psychhologie und allgemein New Work die Arbeitswelt immer stärker prägen, sind autoritäre Verhaltensweisen in der Mitarbeiterführung fehl am Platz.

Kreativität und intrinsische Motivation gehen verloren

Wir wollen Mitarbeiter:innen, die sich ganz einbringen, die kreative Ideen und Lösungsansätze entwickeln. Das funktioniert natürlich nicht, wenn wir Methoden aus der (Hunde-)Erziehung verwenden. Selbst wenn diese irgendwie nett klingen wie “positive Verstärkung”. Denn auch Methoden der positiven Verstärkung funktionieren letztlich wie Strafen. Sie machen mein Gegenüber zum Objekt, das ich nach meinen Wünschen formen will, das noch unfertig und dringend verbesserungsbedürftig ist.

So ein Umgang mit meinen Mitarbeiter:innen wird auf lange Sicht dazu führen, dass diese höchstens noch für ihre “Belohnung” arbeiten. Ihre intrisische Motivation wird verloren gehen. Das erklärt dann vielleicht auch den hohen Prozentsatz an Arbeitnehmer:innen, die innerlich gekündigt haben oder zumindest nicht mehr emotional an ihr Unternehmen gebunden fühlen (85% laut Gallup-Umfrage). Menschen sind Subjekte und wollen nicht wie Objekte (oder Tiere) behandelt werden.

Vielleicht sind die Ansichten einfach auch im Umgang mit Kindern überholt.

Es ist für die meisten Menschen ziemlich klar, dass ein solches Menschenbild für gute Mitarbeiterführung fatal ist. Unklar ist dabei aber doch, warum wir dieses Menschenbild für unsere Kinder scheinbar in Ordnung finden. Ich denke, da steht den meisten von uns unsere eigene Erziehung im Weg. Wir sind fast alle in einer Welt aufgewachsen, in der es – mehr oder weniger offensichtlich – so war, dass junge Menschen (also Kinder) weniger Rechte hatten. Inzwischen gibt es dafür sogar ein Wort – Adultismus. (Wenn ihr dazu mehr lesen wollt, geht zu Ruth Abraham, dort gibt es einen ganzen Artikel dazu.)

Diese Erfahrungen aus unserer eigenen Kindheit führen oft dazu, dass wir dieses System verinnerlicht haben. Wir empfinden es meist als normal, dass Kinder nun mal xy tun müssen oder abc nicht tun dürfen. Oder dass diese jungen Menschen halt noch unfertig sind und deshalb von uns geformt oder zurechtgebogen werden müssen. Damit will natürlich keine erwachsene Person verglichen werden. Doch vielleicht sollten wir schon den ersten Teil dieses Vergleiches überdenken.

Für eine bessere Zukunft schon heute

Für die Zukunft der Welt kann ich mir nichts besseres vorstellen. Wenn die Erwachsenen von morgen gelernt haben, dass jeder Mensch wertvoll und einzigartig ist, dann werden sie das nicht an der Bürotür vergessen. Wenn sie Konflikte friedvoll lösen und dabei unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen können, wird das natürlich auch die Arbeitswelt verbessern. Und wenn wir unseren Kindern heute schon so begegnen, werden wir selbst uns dabei weiter entwickeln. Und dann können wir dadurch auch heute schon die Arbeitswelt ein bisschen friedvoller und besser machen.

Bist du dabei? Was lernst du von deinen Kinder oder durch sie, was dir im Berufsleben weiter hilft? Oder ist es bei dir eher andersrum – dass du im Beruf Dinge lernst, die dir im Umgang mit deinen Kindern dann helfen?

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